Pressestimmen

Schütz-Konzert am 14. Februar 2010 in Freiburg, Badische Zeitung, 16. Feb. 2010

Tiefgründiges Seelenbild

Freiburg: Werke von Schütz mit der Studentenkantorei.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“, sang der Chor. Gesagt, getan. Was einem da in der sehr gut besuchten Freiburger Maria-Hilf-Kirche zu Gehör kam, gefiel: Heinrich Schütz’ gestenreiche und ausdrucksstarke Musik, aufgeführt von der Evangelischen Studentenkantorei unter der kundigen Leitung Florian Cramers.

Geistliche Konzerte, Motetten, Psalmen, mithin Werke aus allen Schaffensperioden des Komponisten: Das dramaturgisch schlüssige – und von einem instruktiven Heft flankierte – Programm breitete den ganzen Facettenreichtum dieser frühbarocken Musiksprache aus, die nicht selten modern anmutet und in dieser Interpretation von jeder Patina bereinigt war. Nur das doppelchörige „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ mit seinen Kontrasten zwischen den hohen Registern (leuchtend der Sopran) und den tragfähigen tiefen war zu zahm; hier fehlte es an dramatischer Zuspitzung. Begleitet wurde der klangschöne Chor von dem auf Alte Musik spezialisierten Ensemble Les Cornets Noirs, das in der instrumentalen Einleitung zu „Erbarm dich mein“ ein tiefgründiges Seelenbild zeichnete, sich als sehr intonationssicher erwies und mit seinem farbenreichen, bisweilen herben Klang feinnervig begleitete. Aber manchmal schlicht zu laut. Hans Jörg Mammels weicher Tenor fügte sich bei seinem emotional eindringlichen Bußgesang zwar gut in die instrumentale Textur ein, doch hätte man sich nicht nur hier mehr Zurückhaltung vom bläserdominierten Tutti gewünscht. Auch beim „Gesang der drei Männer im feurigen Ofen“ war der Klang nicht vollends austariert; aufgewogen wurde dies aber durch das vitale Musizieren, den im Refrain freudig hinzutretenden und zumeist sicher phrasierenden Chor und nicht zuletzt durch das stimmlich ausgewogene Sängerensemble. Komplett war das sechsköpfige Solisten-Ensemble (darunter Heike Heilmann mit innigem Sopran und Georg Hage mit kraftvollem Bass) im glanzvollen „Magnificat“ mit seinen gut herausgearbeiteten Spannungsbögen und dem von der Kantorei im hohen Tempo lancierten Zungenbrecher „dispersit superbos“. Die Tutti indes: nicht immer nahtlos aufeinander abgestimmt. Nach zwei Stunden brachte das vierchörige „Alleluja!“ noch einmal eine Klangentfaltung, mit Verve und Hingabe musiziert.

Dennis Roth

 


Schütz-Konzert am 13. Februar 2010 in Schopfheim, Badische Zeitung, Ausgabe Wiesental, 15. Feb. 2010

Musizieren mit Handschuhen

Die Evangelische Studentenkantorei Freiburg und das Ensemble Les Cornets Noir in Schopfheim.

100 Jahre vor Johann Sebastian Bach geboren, gilt Heinrich Schütz als der „größte deutsche Deklamator zwischen Luther und Bach“. Ausschließlich diesem großen Komponisten der Alten Musik widmeten sich die Evangelische Studentenkantorei Freiburg und das Ensemble Les Cornets Noir bei ihrem Konzert in der evangelischen Stadtkirche Schopfheim. Ihr Programm heißt schlicht und einfach „Schütz!“, aber mit Ausrufezeichen. Denn der größte Freiburger Studentenchor macht einmal deutlich, wie komplex und facettenreich in der Ausdrucksvielfalt Schütz’ geistliches Werk ist.

In diesem Wintersemester haben sich die jungen Studierenden aus verschiedenen Fakultäten intensiv mit Schütz auseinandergesetzt und dieses Programm erarbeitet. Bewusst wollte man kein geschlossenes Opus aufführen, sondern verschiedene Psalmen, Motetten und Konzerte, die sich stilistisch, formal und von der Besetzung her unterscheiden. So erklangen Stücke aus Sammlungen wie der „Geistlichen Chormusik“, den „Kleinen geistlichen Konzerten“, den „Psalmen Davids“ und den „Symphoniae sacrae“ und ergaben ein beeindruckendes Gesamtbild von Schütz’ Schaffen.

So vielfältig sich das Programm gestaltete, war doch eines durchgängig hörbar: wie wichtig die Klangrede bei Schütz ist, das sprachbetonte Singen und die deutliche, genaue Artikulation im Gesang und instrumentalen Spiel. Und dies beherzigte der gut 60-köpfige Chor aus jungen, frischen Stimmen auf überzeugende Art. Unter Leitung von Florian Cramer gefiel die Studentenkantorei durch eine sorgfältige Sprachdeklamation, große Transparenz und Durchzeichnung des mehrstimmigen Chorklangs, hervorragende Artikulation und Wortdeutlichkeit –was in Schütz’ Vertonungen von Bibel- und Psalmtexten von enormer Bedeutung ist.

Die Sängerinnen und Sänger zeigen die nötige Beweglichkeit und flexible Stimmführung, um die oft bilderreichen Texte plastisch wirken zu lassen. So vermittelt sich in den bis zu 16-stimmigen Werken die Schützsche Vokalmusik in aller Lebendigkeit, aber auch klangprächtiger Feierlichkeit in „Herr, unser Herrscher“ mit eindrucksvoller Raumklangwirkung, dem aufstrahlend-erhebenden „Magnificat“ oder dem freudigen Lobgesang „Allelujah! Lobet den Herrn“. Auch die hervorragenden Vokalsolisten Heike Heilmann, Miriam Feuersinger (Sopran), Rolf Ehlers (Haute-Contre), Hans Jörg Mammel, Georg Poplutz (Tenor) und Georg Hage (Bass) wussten mit ihren schlank geführten, klaren Stimmen die Schützsche Klang-„Sprache“ ideal umzusetzen. Solistische Preziosen waren Heilmanns hell klingendes „Eile mich, Gott, zu erretten“, Mammels getragenes „Erbarm dich mein, o Herre Gott“ zum Posaunenklang oder Poplutz’ koloraturenreich verziertes „O Jesu, nomen dulce“.

Ein großer Gewinn der Aufführung war der Einsatz historischer Instrumente. Das Basler Ensemble Les Cornets Noir, besetzt mit ausgewiesenen Alte-Musik-Spezialisten aus dem Umfeld der Schola Cantorum Basiliensis, trug mit dem farbigen, charakteristischen Originalklang alter Instrumente wie Zinken, Posaunen, Violinen, Dulcian, Violone, Viola da Gamba oder Chitarrone wesentlich zum historisch orientierten Klangbild und der virtuosen Klangwirkung gerade in den affektenreichen und verzierten Passagen bei.

Bedauerlich war, dass es in der Kirche so kalt war und die Sänger und Musiker sich mit Jacken, Schals und Handschuhen wappnen mussten oder ihre empfindlichen Instrumente wie die Zinken unter der Jacke zu wärmen versuchten – denn auch die Intonation leidet unter solchen Temperaturen. Umso bewundernswerter, dass Chor und Consort trotz der erschwerenden Kälte ihr zweistündiges Schütz-Programm so engagiert und klangvoll durchhielten – und mit ihm ein Großteil des ebenso fröstelnden Publikums, das nach dem Schluss-„Allelujah“ kräftig und lange applaudierte und teils stehende Ovationen gab. Wie kommentierte doch eine Besucherin: „Es war sehr schön – aber viel zu kalt…“.

Roswitha Frey