Pressestimmen

Johannes-Passion, J.S. Bach, vierte Fassung am 13. Februar 2016 in Schopfheim, Badische Zeitung, 15. Februar 2016

Bewundernswerte Übereinstimmung

Evangelische Studentenkantorei und das Ars Viva Ensemble mit der Johannespassion in Schopfheim.

Eines machten die gut zwei Stunden am Samstag in der Schopfheimer evangelischen Kirche eindeutig klar: Es geht nichts über die interpretatorischen Erfahrungen kluger Musiker. Florian Cramer zum Beispiel; seit 13 Jahren arbeitet er mit der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg zusammen und hat die 70 Sängerinnen und Sänger zu einem wunderbaren Chor herangebildet, dessen Singen zweierlei auszeichnet: Zum einen sympathische Perfektion in puncto Intonation, Artikulation, differenzierte Dynamik und Ausdrucksvarianten und zum andern hellwache Aufmerksamkeit für die semantischen Nuancen der biblischen wie der madrigalischen Texte. Anders gesagt: Die Studentenkantorei, dieses Ensemble junger, unverbrauchter und frisch klingender Stimmen, weiß jederzeit, was Cramer will und folgt ihm ohne Vorbehalte.

Im Falle der Johannespassion betonte Cramer, genau in Musik und Texte hörend, die Dramatik des Geschehens, und das heißt bei ihm, ohne spektakulär oder sentimental zu werden, keine Ruhe geben, Vorwärtsdrängen bis zu dem Punkt, wenn die Altistin verkündet „Es ist vollbracht“. Tönende Aggressivität und deren Umwendung in personale Verinnerlichung ergänzen sich, und in diesem permanenten Wechsel der Erwartungen und Hoffnungen erscheint der Reichtum der Musik Bachs. Glücklich kann sich der Leiter schätzen, dessen Chor diese Stimmungsvarianten so klar meistert.

Doch es war ja nicht allein der Chor, der diese Interpretation so hörenswert machte, sondern gleicherweise das „Ars Viva Ensemble“ (Konzertmeister: Jörn-Sebastian Kuhlmann). Sicher, Cramer gibt die Linie vor, doch er lässt den Musikern freie Hand, wohl wissend, dass sie seine Interpretation bereitwillig „exekutieren“, und das führt zu ihrer differenziert zupackenden klanglichen Präsenz. Sie spielen nicht neben oder unter, sondern – zum Beispiel in den Arien – mit den Sängern, und daraus entsteht eine genau aufeinander abgestimmte Klangintensität, wie sie die demonstrative Dramatik der Johannespassion braucht.

Schließlich die Gesangssolisten, ein in dieser stilistischen Homogenität gern gehörter Glücksfall: Katharina Persicke, Elvira Bill, Hans Jörg Mammel, Jochen Bittner und Markus Flaig. Ein Könner wie Mammel weiß aus Erfahrung, wie er den Evangelisten in dieser Passion zu singen hat, und so ist er beides: wacher Rhapsode und verinnerlichter Christ. Desgleichen Markus Flaig als Christus: leidend und selbstbewusst, trauend und hoffend zugleich. Mitverantwortlich für das Geschehen: Pilatus, mächtig und doch machtlos; Jochen Bittner singt ihn als Politiker, der sich seines Zwiespalts bewusst ist. Ein Gesangsterzett von bewundernswerter emotionaler Übereinstimmung. Nicht minder beeindruckend die kurzfristig eingesprungene Sopranistin Katharina Persicke und Altistin Elvira Bill, der das emotionale ineinander Verschlungensein von verzehrender Trauer und prophetischer Zuversicht gelang. Herrlich gesungen! Enthusiastischer Schlussbeifall für eine vom ersten bis zum letzten Takt stimmige Interpretation, die en passant daran erinnerte, dass Bachs Musik auch große Chöre verträgt, selbst wenn die heute out sind.

Nikolaus Cybinski