Pressestimmen

„Schwanengesang“, Konzert am 11. Februar 2018 in Freiburg, Badische Zeitung vom 16. Februar 2018

Wenn Musiker sprechen

Ein meisterliches musikalisches Alterswerk – Heinrich Schütz schuf seinen „Schwanengesang“ bewusst als sein letztes Werk nur wenige Jahre vor seinem Tod –, interpretiert von einem jungen Chor: Florian Cramer und der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg ist eine begeisternde Interpretation gelungen. Mit ihrer enormen Vitalität und Spannkraft überzeugten die jungen Musiker ihr Publikum in der evangelischen Stadtkirche Schopfheim und der Freiburger Christuskirche.

Das Werk, das ebenso mit einem Kammerchor aufgeführt werden könnte, profitiert in der durchdachten Interpretation von Cramer gerade von der vielstimmigen Chorbesetzung und dem Zusammenspiel mit dem Solisten-Ensemble Voces suaves aus Basel. Plastisch stellt Cramer den doppelchörigen Charakter heraus, nutzt die unterschiedlichen Chor- und Instrumentalklänge für dynamische Abstufungen im Sinne eines Registrierens ebenso wie für die klare Strukturierung. Sowohl den polyphonen als auch den eher homophonen Partien des Werkes wurde Cramers Interpretation gerecht. Die Instrumentalisten der Capella friburgensis überzeugten durch einfühlsames Spiel im Tutti als auch in allen Mikro-Besetzungen – Streicher, Bläser, wechselnde Basso-continuo-Besetzungen.

Heinrich Schütz’ Vertonung des 119. Psalms ist ein klingendes Bekenntnis: Der Komponist verwob Sprache und Text miteinander, orientierte sich maximal am deutschsprachigen Text und vertiefte und intensivierte den Sprachgehalt in kunstvoller Weise. Die Studentenkantorei und die Solisten interpretierten unter Leitung von Cramer ebenso nah am Text. Auch die instrumentalen Klänge der Alte-Musik-Spezialisten Capella friburgensis fügten sich in die sprachorientierte Darbietung ein – fast meinte man, als „sprächen“ die Musiker, obschon ohne Text, doch gleichermaßen deutlich wie die Sänger. Die Studentenkantorei beeindruckte ihr Publikum mit ihrem jungen, spannungsvollen und vielseitigen Klang. Cramer ist eine lebendige und spannende Interpretation gelungen.

Sarah Nöltner

 


„Schwanengesang“, Konzert am 10. Februar 2018 in Schopfheim, Badische Zeitung vom 13. Februar 2018

Klare Stimmen und klare Worttexte

SCHOPFHEIM. Schon zum wiederholten Mal war die Evangelische Studentenkantorei Freiburg zu Gast in der evangelischen Stadtkirche Schopfheim und hat sich hier durch ihre exzellente Gesangsqualität einen hervorragenden Namen gemacht. Bei seinem jüngsten Auftritt am Samstag widmete sich der von Florian Cramer geleitete Chor zusammen mit dem Basler Vokalensemble Voces suaves und der Capella friburgensis einem bedeutenden Werk des Frühbarocks: dem „Schwanengesang“ von Heinrich Schütz aus dem Jahr 1671.
Es wurde eine beeindruckende Aufführung dieses gewaltigen „Opus ultimum“, des letzten Werks des Komponisten, das zu seinem religiösen und musikalischen Testament wurde. Ein Jahr vor seinem Tod vertonte Schütz im hohen Alter von 86 Jahren den kompletten 119. Psalm, den längsten aller Psalme, in elf doppelchörigen Motetten. Dazu fügte er als Anhang die Vertonung des 100. Psalms „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ sowie das Deutsche Magnificat, ebenfalls für zwei vierstimmige Chöre, an.

Die zahlreichen Zuhörer erlebten eine in den Vokal- und Instrumentalstimmen sehr sorgfältig erarbeitete Interpretation dieses geistlichen Werks, in der auch die sensiblen Fragen der stilgemäßen Aufführungspraxis sehr gut gelöst waren in der chorischen und solistischen Besetzung und im Einsatz des historischen Instrumentariums. Die Besetzung mit der Studentenkantorei als Kapellchöre und dem solistisch singenden Vokalensemble Voces suaves sorgte für eine stimmlich differenzierte und lebendige Klangwirkung. Die acht Sängerinnen und Sänger von Voces suaves sind auf Renaissance- und Barockmusik spezialisiert und bereicherten mit ihrem lupenreinen, klaren Gesang diese Aufführung ungemein. Einen Zugewinn an Klangfarbigkeit und „Klangrede“ im besten Sinne brachte auch die auf originalen Instrumenten spielende Capella friburgenis, ein Ensemble für Spätrenaissance und Frühbarock. Das Continuo war mit Orgelpositiv, Dulzian, Laute und Violone besetzt, und den beiden Chören waren auf der einen Seite Violine und Gamben, auf der anderen Zink und Posaunen zugesellt.

Unter dem umsichtigen Dirigat von Florian Cramer ergab sich ein lebendig durchpulster Gesamtklang, fließend in der rhythmisierten Struktur. Gesungen wurde in großer Genauigkeit und Prägnanz der Deklamation, hervorragend klar durchgezeichneten Stimmen und wortdeutlicher Textgestaltung. Diese prägnante, gleichwohl schlichte Deklamation, die klare Intonation und die sorgfältige Ausformulierung ließ diesen Schwanengesang sehr eindrücklich auf die Zuhörer wirken. Die Transparenz der chorischen und solistischen Stimmen, die Ausgewogenheit in den Chorblöcken, das klare Durchleuchten der polyphonen Strukturen, die berührende deklamatorische Feinheit, mit der die jungen Sängerinnen und Sänger diese Alte Musik ausleuchteten, und der warme Klang der alten Instrumente: Das alles summierte sich zu einer Aufführung, die Schütz‘ Spätwerk in seiner ganzen sakralen Tiefe, meisterlichen polyphonen Satzkunst und abgeklärten Größe dem heutigen Hörer näher brachte.

Dirigent Cramer achtete auf einen rhetorisch sprechenden Klang, ausgefeilte Stimmführung und wortdeutliche Textausdeutung in diesen Motetten, die jeweils fast klösterlich streng und schlicht in gregorianischem Psalmton beginnen und mit dem Lobpreis „Ehre sei dem Vater und dem Sohn“ in ausgeschmückterem Stil beendet werden. Sehr bewegend interpretierten die Ausführenden dieses klingende Vermächtnis von Heinrich Schütz. Jede der elf Motetten erhielt ein in sich geschlossenes Klangbild. Besonders affektreich in der musikdramatischen Klangrede war die Stelle „Ich bin entbrannt über die Gottlosen“ in der Vertonung „Gedenke deinem Knechte“. Voller Klangprächtigkeit, Klangfülle und Festlichkeit erklang der jubilierend gesungene Lobpreis „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ und auch im Deutschen Magnificat, dem Lobgesang Marias „Meine Seele erhebt den Herrn“, beeindruckte der erhebende, beseelte Gesang der jungen Schütz-Interpreten. Großer Beifall nach diesem besonderen kirchenmusikalischen Ereignis.

Roswitha Frey

 


„Schwanengesang“, Konzert am 10. Februar 2018 in Schopfheim, Markgräfler Tagblatt vom 13. Februar 2018

Die ganze Bibel im Kleinen

Schon in der antiken Mythologie gab es die Legende von dem Schwan, der vor seinem Tod noch singt. In der Musik wird das letzte Werk eines Komponisten als Schwanengesang bezeichnet – so auch das Opus ultimum von Heinrich Schütz.

Schopfheim . Darin hat der „Vater der deutschen Musik“ den ellenlangen 119. Psalm in elf Motetten vertont: ein Spätwerk, das lange Zeit verschollen war und erst in den 1980er Jahren wiederentdeckt wurde. Seither wird das sakrale Hauptwerk von Schütz von den Chören gepflegt, wie in der Reihe „Kirchenmusik in Schopfheim“ in der gut zur Hälfte besetzten Stadtkirche von der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg, die zum wiederholten Male hier auftrat.

Es ist ein monumentales Chorwerk, auf das sich die Ausführenden und Zuhörer in den anderthalb Stunden einlassen. Für unsere heutige Ohren ist diese geistliche Werk von 1671 am Übergang von der Renaissance zum Frühbarock eine ziemlich entfernte Musik. Schütz ist nicht Bach, und doch wurde er schon als „der größte deutsche Deklamator zwischen Luther und Bach“ bezeichnet, auch als der größte deutsche Musikdramatiker überhaupt.

In diesem Abgesang hat der deutsche Orpheus am Ende seines langen Lebens den kompletten Psalmtext vertont, nicht auf Latein, sondern auf Deutsch: Dieser „Schwanengesang“ ist die ganze Bibel im Kleinen.

Da haben die Interpreten hohe musikalische Ansprüche zu befriedigen, von den liturgisch einstimmigen Intonationen zu Beginn, die noch sehr klösterlich wirken, über die Motiv-Kontraste bis zu dem mehr emotionalen Anhang des jubelnden 100. Psalms („Jauchzet dem Herrn, alle Welt“) und des Deutschen Magnificats.

Da war es eine gute Entscheidung, dass Chorleiter Florian Cramer sich für begleitende Instrumente entschieden hat, denn das steht in der Wiedergabe frei. Aber es ist schlüssig und eine willkommene Farbgebung, die Begleitung des Chorgesangs durch die Capella friburgensis.

Die erfahrenen Musiker der Alten-Musik-Bewegung mischten sich mit ihren warm klingenden historischen Instrumenten wie Zink, Gambe, Posaune, Dulzian und Laute und Orgel-Continuo sehr gut mit dem vokalen Klang.

Zufrieden konnte man auch mit der Chor- und Solistenbesetzung sein, den acht Stimmen des Basler Vokalensembles Voces suaves und den beiden Kapellchören der Studentenkantorei, die die Chorsolisten recht homogen im Ausdruck ergänzten. Somit war der vokale Bereich in diesen mehrchörigen Motetten zufriedenstellend, wurde doch ungezwungen, mit Hingabe gesungen und der Text verkündet.

An wenigen Stellen wie „Ich bin entbrannt über die Gottlosen“ (Nr.4) und „Ich hasse die Flattergeister“ (Nr. 8) wirkte dieses ausgedehnte Sakralwerk sehr rhetorisch in der impetuoseren Darstellung, war wirkliche dramatische Klangrede.

Auch der Lobpreis und der Mariengesang im Anhang hatten mehr Affekt und Verzierung. Gleichwohl war das Gesamtwerk eine Kraftanstrengung für Interpreten wie Zuhörer. Aber man musste den engagierten Ausführenden dankbar sein, nicht nur protestantischem Kirchengesang zugehört zu haben.

Jürgen Scharf