Pressestimmen

„Jauchzet dem Herrn“, Konzert am 25. August 2017 in Oftersheim, Schwetzinger Zeitung, 28. August 2017

Zauberhafte Lobpreisung des Schöpfers

Oftersheim. Ihre Konzertreise führte die Mitglieder der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg auch nach Oftersheim. Unter dem Titel „Jauchzet dem Herrn“ gaben Studierende an Freiburger Hochschulen am Freitagabend in der gut gefüllten Christuskirche ein Konzert, das geistliche Kompositionen verschiedener Epochen vereinte.

Das breitgefächerte Repertoire, das von Schütz über Mendelssohn bis Mauersberger, von Monteverdi und Bach bis Pärt und Buchenberg reichte, verlangte von den Sängern ein hohes Maß an Flexibilität. Dem Dirigenten Florian Cramer gelang es jedoch, den Spannungsbogen bis zum Schluss durchzuhalten. Das Konzert begann mit dem Lied „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger (1889 bis 1971). Darin verarbeitete der Komponist das traurige Schicksal der Stadt Dresden, die 1945 durch einen Bombenangriff zerstört wurde. Intensiv war aus dem Gesang Trauer zu hören, Klage, aber auch Zuversicht, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Gegen Ende erklang dann Mauersbergers bewegendes „Vater unser“, bei dem die Chormitglieder wie auch im Eingangsstück aufs Schönste zusammenwirkten. Differenziert und glockenrein intonierte der Chor auch all die anderen so unterschiedlichen Gesänge, darunter „Am Neujahrstage“ und „Jauchzet dem Herrn“ von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), „Circumdederunt“ des spanischen Komponisten Cristobal de Morales (1500 bis 1553) oder von Anton Bruckner (1824 bis 1896) „Christus factus est“. Eine fast magische Wirkung entfaltete der Chor mit „Nun bitten wir den Heil’gen Geist“ von Johann Walter (1496 bis 1570), in dem sich der Dirigent zu den Sängern stellte und mit markanter Stimme mitsang.

Beglückend harmonisch
Die Musik von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) wie in „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ vermag bis heute das Publikum zu fesseln, besonders wenn sie auf dem Niveau der Studentenkantorei dargebracht wird. Auch in Johann Sebastian Bachs (1685 bis 1750) Choral „Du heilige Brunst“ vereinten die jungen Sänger rhetorische Phrasierung, deutliche Artikulation und musikalische Harmonie auf beglückende Weise. Jede Linie erblühte und atmete natürlich, der Zusammenklang war sorgsam abgestimmt und ausbalanciert. Und das „Cantate Domino“ von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643), dessen 450. Geburtstag dieses Jahr begangen wird, erklang flüssig und mit zauberhaftem Klangbewusstsein.

Dass die Tradition der geistlichen Musik mit Namen wie Walter und Monteverdi, Bach und Schütz bis zu Mendelssohn in Verbindung gebracht wird, heißt nicht, dass sie sich nicht weiterentwickelt hat. Auch das zeigte der exquisite, a cappella singende Chor, dass jede Zeit für sich neue musikalische Formen für die Lobpreisung des Schöpfers gefunden hat. So wie der estnische Komponist Arvo Pärt (geboren 1935) in „Nunc dimittis“, einem Lobgesang, den der greise Simeon anstimmt, weil er vor seinem Ableben den Messias im Tempel von Jerusalem erblicken darf. Der Chor gab sich mit solcher Innigkeit dieser zeitgenössischen Komposition hin und steigerte so grandios das lateinische „lumen“ (Licht), dass sie gleichsam mit fast sphärischer Strahlkraft den Kirchenraum füllte. Als meisterlicher Chorkomponist erwies sich auch der 1962 geborene Wolfram Buchenberg, der mit der Vertonung von „Als vil in gote“, einem Text nach Meister Eckhart, einen starken Eindruck hinterließ. Der Chor bewies auch hier, wie abwechslungsreich es mit seinen klanglichen Möglichkeiten umgehen kann, zudem verwob er eindrucksvoll die textlichen und musikalischen Schichten und machte so die spirituelle Dimension eindringlich erfahrbar.

Stehende Ovationen
Zwischen solchen herausragenden Momenten agierten die Instrumentalisten Sebastian Keller und Valentin Huemerlehner. Leuchtende Farben steuerte Keller an der Blockflöte in Jacob van Eycks (1590 – 1657) mit „Pavaen Lachrymae“ bei und Huemerlehner an der Orgel vermochte mit der „Sonate in c-Moll, op. 65,2“ von Mendelssohn Bartholdy zu berühren und zu fesseln. Für dieses wunderbare Klangerlebnis bedankte sich das Publikum am Ende mit begeistertem, stehendem Beifall. Besonders schön zum Schluss die räumliche Wirkung der Zugabe „Der Mond ist aufgegangen“, die durch die Aufteilung der Chormitglieder im gesamten Kirchenraum entstand.

Maria Herlo

 


Lobgesang & Psalm 95 v. Mendelssohn, Konzert am 23. Juli 2017 in Freiburg, Badische Zeitung, 25. Juli 2017

Zum Jubiläum Mendelssohn

Die Studentenkantorei mit dem „Lobgesang“ und Psalm 95.

Ob es die „Kraft der Fluktuation“ ist, wie Wiebke Dornauer, Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde, vor dem Konzert vermutet? Oder doch schlicht der unbändige Enthusiasmus der Singenden, der für stetige Qualität sorgt? Die Evangelische Studentenkantorei Freiburg bewältigt jedenfalls seit jeher den konzeptbedingten Personaldurchfluss eines Studierendenchors mit Bravour. Zu ihrem 70. Geburtstag feierte sich die Kantorei unter Leitung von Florian Cramer in der Wiehremer Christuskirche deshalb zu Recht. Dass das Reformationsjubiläum durch Mendelssohns Sinfonie-Kantate „Lobgesang“ op. 52 und den frohlockenden Psalm 95 „Kommt, lasst uns anbeten“ op. 46 gleich mitzelebriert wurde: ein schöner Nebeneffekt.

In letztgenanntem Werk, das irgendwo zwischen Bach-Kantate und Händel-Oratorium wurzelt und den Abend eröffnete, begeistert die wechselseitige Interaktionskultur zwischen Chor und Leiter, aus der sich ein strukturierter, runder Chorsound ergibt: gerade glatt genug, um den ganzen Kirchenraum in einer strahlenden Einheit erblühen zu lassen. Doch stets auch maßvoll heterogen, um das Charakteristische des Einzelnen zu wahren, wie im kanonisch geprägten zweiten Satz besonders deutlich wird.

Historisch informiert: das Ars Viva Ensemble

Dass die Kantorei vom ausgezeichnet besetzten und historisch informierten Ars Viva Ensemble unterstützt wurde, mag dabei nicht geschadet haben. Gerade, da mit Gottfried von der Goltz vom Barockorchester ein formidabler Stimmführer die klanglichen Geschicke mitgestaltete. Die mehrteilige instrumentale Sinfonia, die den klangprächtigen „Lobgesang“ einleitet: unaufdringlich, schnörkellos und doch voller Wärme – auch wenn einige Blecheinwürfe zu herzhaft geraten. Der Gipfelsturm des Chors erfolgt aber a cappella: Im Choral „Nun danket alle Gott“ zeigt sich die volle feierliche Substanz und eine souveräne Intonation ohne große Wackler.

Hochwertig die Soli. Die Sopranistinnen Katharina Persicke und Gudrun Sidonie Otto überzeugen im Duett durch die Mixtur aus vibrierender Dramatik und espritgeladener Beweglichkeit. Hans Jörg Mammels Tenor ertönt versiert und ausdrucksstark, lediglich im Deklamatorischen etwas zu kontrolliert. Ein gelungenes Jubiläum, mit der sich die Kantorei weiter im Kreis der hörenswerten Chöre Freiburgs etabliert.

Fabian Ober

 


Lobgesang & Psalm 95 v. Mendelssohn, Konzert am 22. Juli 2017 in Schopfheim, Markgräfler Tagblatt, 25. Juli 2017

Ein Konzert, das seinesgleichen sucht

Ein Konzert mit erstklassigen Mitwirkenden fand in der evangelischen Stadtkirche statt.

Schopfheim. Die Evangelische Studentenkantorei Freiburg und das „Ars Viva Ensemble“ sind zusammen mit den Solo-Sängerinnen Katharina Persicke und Gudrun Sidonie Otto, mit dem Tenor Hans Jörg Mammel und Dirigent Florian Cramer in Schopfheim und in der nun 125 Jahre evangelischen Stadtkirche keine Unbekannten mehr, da sie schon in mehreren Konzerten ihre musikalischen Qualitäten bewiesen haben.

Das am Wochenende stattgefundene Konzert mit zwei Werken des in Hamburg 1809 geborenen und 1847 in Leipzig gestorbenen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy bestätigte aufs Neue die Erstklassigkeit aller Mitwirkenden.

Die Studentenkantorei mit ihren über 70 Stimmen und das über 40 Musizierende zählende „Ars Viva Ensemble“ boten die Gewähr für eine Aufführung, die durch die drei Solostimmen ihren Glanz erhielten. Denn die Sopranistin Katharina Persicke hat nach Meisterkursen bei berühmten Sängern in Opernhäusern wie Dresden, Madrid und Bayreuth glänzende Erfolge erzielt.

Die Sopranistin Gudrun Sidonie Otto hat nach Studien in Weimar, Tel Aviv und Basel vor zehn Jahren den ersten Preis in einem internationalen Wettbewerb gewonnen. Ihre Auftritte in deutschen und internationalen Opern- und Konzerthäusern wie Hongkong, Straßburg, Amsterdam, Istanbul und Sydney belegen ihre sängerische Qualität.

Der Tenor Hans Jörg Mammel begann in Stuttgart bei den Hymnus-Chorknaben und ist heute in Berlin, Wien, München, Nantes, Tokio und Warschau zu hören.

Felix Mendelssohn-Bartholdy, der sich schon früh mit den Psalmen des Alten Testaments befasste, schuf die Vertonung des 95. Psalms als Opus 46 im Alter von 29 Jahren. Die Entstehungsgeschichte des Psalms nach der babylonischen Gefangenschaft komponierte Mendelssohn textkonform, indem er sich zahlreicher stilistischer Ausdrucksmittel bediente, die mal die Feierlichkeit oder auch das Dunkle und Klagende betonen. Dazu eigneten sich auch die responsorialen Partien zwischen Solisten und Chor vorzüglich.

Die Sinfonie-Kantate Lobgesang, Opus 52, die Mendelssohn im Alter von 31 Jahren komponiert hatte, wurde zur 400-Jahr-Feier der Erfindung des Buchdrucks am 26. Juni 1840 in der Leipziger Thomaskirche neben Webers Jubel-Ouvertüre und Händels „Dettinger Tedeum“ aufgeführt. Der instrumentale Teil, etwa ein Drittel des Ganzen, mit seinem feierlichen Charakter ist mit seinen punktierten Rhythmen in Händel´scher Manier komponiert und leitet zum Eingangschor der Kantate über. Hier werden die Solostimmen mit deutlicher Akzentuierung dem Chor gegenübergestellt, der schließlich die Sinfonie mit einer groß angelegten Chorfuge schließt.

Dirigent Florian Cramer hatte seine Ensembles in vorbildlicher Weise derart geschult, dass eine Aufführung zustande kam, die ihresgleichen sucht.

Georg Diehl

 


Jauchzet dem Herrn, Konzert am 12. Februar 2017 in Freiburg, Badische Zeitung, 18. Februar 2017

Die Frische von 70 Jahren

Die Studentenkantorei in der Freiburger Christuskirche.

Siebzig Jahre wird die Evangelische Studentenkantorei (ESK) alt und klingt frisch wie eh und je. Bemerkenswert: Vierzehn Jahre jener Zeitspanne steht der Chor nun schon unter der Leitung von Florian Cramer. Dass hier bei aller Fluktuation der Singenden kontinuierlich auf sehr hohem Niveau gearbeitet wird, hört man. Beeindruckend die Feinheit der Klang- und Interpretationskultur: die Reinheit der Intonation, die Durchsichtigkeit und Beweglichkeit des Klangbildes, obwohl der Chor zahlenstark auftritt.

Als die ESK jetzt mit Ausgewähltem aus 500 Jahren Chormusik in Freiburgs Christuskirche zu hören war (nach einem Konzert in Schopfheim), bewunderte man vor allem die meisterhafte Beherrschung der Dynamik: Wie sich die Phrasen runden, Decrescendi in der Kadenzbildung den musikalischen Fluss leicht aufstauen, ohne Künstelei oder Effekthascherei – das zeugt von Können, interpretatorischer Sensibilität und nicht zuletzt von kongenialer musikalischer Vertrautheit zwischen Ensemble und Leiter – der, wie in Johann Walters „Nun bitten wir den heiligen Geist“, keine Scheu hat, sich zu strahlend dahinströmender Renaissance-Polyphonie selbst als Sänger in die Reihen des Chores zu fügen.

Wie sehr der ESK solche Sensibilität in Fleisch und Blut eingegangen sein muss, zeigt ein Stück wie „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger, wo man fast durchweg im sachtesten Piano agiert, seltene Aufgipfelungen aber höchst organisch vor- und abklingen lässt. Gerade deswegen gelingt dieses Stück so eindringlich. Am anderen Ende des Spektrums bewegt sich Anton Bruckners „Christus factus est“: Da werden Extreme zugespitzt, Brüche ohne falsche Beschönigung hingestellt, dass der Spätromantiker schon als ein Moderner erscheint.

Schön das Wechselspiel zwischen den Chor- und Orgelwerken – und schön, dass die von Christoph Bogon, dem Schopfheimer Bezirkskantor und früheren Leiter der ESK beigesteuert werden. Die Rieger-Orgel erklingt in klaren und differenzierten Registrierungen. Bogons gewichtige Improvisation über „Vater unser im Himmelreich“ erinnert an eine alte Tradition der Kirchenmusik. Dass die der ESK noch lange fortdauern möge, wünscht man ihr sehr.

Gero Schreier

 


Johannes-Passion, J.S. Bach, vierte Fassung am 13. Februar 2016 in Schopfheim, Badische Zeitung, 15. Februar 2016

Bewundernswerte Übereinstimmung

Evangelische Studentenkantorei und das Ars Viva Ensemble mit der Johannespassion in Schopfheim.

Eines machten die gut zwei Stunden am Samstag in der Schopfheimer evangelischen Kirche eindeutig klar: Es geht nichts über die interpretatorischen Erfahrungen kluger Musiker. Florian Cramer zum Beispiel; seit 13 Jahren arbeitet er mit der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg zusammen und hat die 70 Sängerinnen und Sänger zu einem wunderbaren Chor herangebildet, dessen Singen zweierlei auszeichnet: Zum einen sympathische Perfektion in puncto Intonation, Artikulation, differenzierte Dynamik und Ausdrucksvarianten und zum andern hellwache Aufmerksamkeit für die semantischen Nuancen der biblischen wie der madrigalischen Texte. Anders gesagt: Die Studentenkantorei, dieses Ensemble junger, unverbrauchter und frisch klingender Stimmen, weiß jederzeit, was Cramer will und folgt ihm ohne Vorbehalte.

Im Falle der Johannespassion betonte Cramer, genau in Musik und Texte hörend, die Dramatik des Geschehens, und das heißt bei ihm, ohne spektakulär oder sentimental zu werden, keine Ruhe geben, Vorwärtsdrängen bis zu dem Punkt, wenn die Altistin verkündet „Es ist vollbracht“. Tönende Aggressivität und deren Umwendung in personale Verinnerlichung ergänzen sich, und in diesem permanenten Wechsel der Erwartungen und Hoffnungen erscheint der Reichtum der Musik Bachs. Glücklich kann sich der Leiter schätzen, dessen Chor diese Stimmungsvarianten so klar meistert.

Doch es war ja nicht allein der Chor, der diese Interpretation so hörenswert machte, sondern gleicherweise das „Ars Viva Ensemble“ (Konzertmeister: Jörn-Sebastian Kuhlmann). Sicher, Cramer gibt die Linie vor, doch er lässt den Musikern freie Hand, wohl wissend, dass sie seine Interpretation bereitwillig „exekutieren“, und das führt zu ihrer differenziert zupackenden klanglichen Präsenz. Sie spielen nicht neben oder unter, sondern – zum Beispiel in den Arien – mit den Sängern, und daraus entsteht eine genau aufeinander abgestimmte Klangintensität, wie sie die demonstrative Dramatik der Johannespassion braucht.

Schließlich die Gesangssolisten, ein in dieser stilistischen Homogenität gern gehörter Glücksfall: Katharina Persicke, Elvira Bill, Hans Jörg Mammel, Jochen Bittner und Markus Flaig. Ein Könner wie Mammel weiß aus Erfahrung, wie er den Evangelisten in dieser Passion zu singen hat, und so ist er beides: wacher Rhapsode und verinnerlichter Christ. Desgleichen Markus Flaig als Christus: leidend und selbstbewusst, trauend und hoffend zugleich. Mitverantwortlich für das Geschehen: Pilatus, mächtig und doch machtlos; Jochen Bittner singt ihn als Politiker, der sich seines Zwiespalts bewusst ist. Ein Gesangsterzett von bewundernswerter emotionaler Übereinstimmung. Nicht minder beeindruckend die kurzfristig eingesprungene Sopranistin Katharina Persicke und Altistin Elvira Bill, der das emotionale ineinander Verschlungensein von verzehrender Trauer und prophetischer Zuversicht gelang. Herrlich gesungen! Enthusiastischer Schlussbeifall für eine vom ersten bis zum letzten Takt stimmige Interpretation, die en passant daran erinnerte, dass Bachs Musik auch große Chöre verträgt, selbst wenn die heute out sind.

Nikolaus Cybinski

 


Jean Francaix Konzert am 15. Februar 2015 in Freiburg, Badische Zeitung, 17. Februar 2015

Luzider Klangzauber

Akademisches Orchester und Studentenkantorei in Freiburg.

Über den Rang von Studierenden-Ensembles sind beide Formationen längst hinausgewachsen: das Akademische Orchester (Aka) und die Evangelische Studentenkantorei (ESK). Mit Arthur Honeggers dritter Sinfonie und Jean Françaix’ „fantastischem“ Oratorium „L’Apocalypse selon St. Jean“ standen im Freiburger Konzerthaus unter Leitung von Hannes Reich keine Kleinkaliber auf dem Programm. Werke zudem, die bei allem ästhetischen Anspruch von einer Transparenz und Leichtigkeit sind, die man als Interpret erst einmal umsetzen muss. Orchester und Chor gelingt das über weite Strecken glänzend.

Zugegeben: Der dumpf gewitternde erste Satz aus Honeggers Sinfonie wirkt noch etwas konturlos. Die Blechbläser finden nicht sofort die richtige Balance, auch später im Zusammenwirken mit den Sängern. Aber verfängt solche Kritik angesichts einer so stringenten und zugleich sanft-expressiven Linienführung, wie sie im zweiten Satz und dem Epilog des dritten zu hören ist? Streicher und Holzbläser entfalten ein durchsichtiges Kolorit, das bei aller Luftigkeit substanziell bleibt.

Luzider Klangzauber

In den himmlische Sphären evozierenden Passagen von Françaix’ sehr seltener „Apocalypse“ setzt sich das fort. Und hier kommt die ESK (Einstudierung: Marius Mack) ins Spiel. Die nimmt die klangliche Vorgabe des Orchesters genau auf und setzt sie fort. Das Ergebnis: Klangzauber von höchster Luzidität, in den sich Hans Jörg Mammel mit feinem Tenor hervorragend einfügt, bei Vibrato sachlich, aber mit Wärme gestaltend.

Ebenso beeindruckt die punktgenaue Präzision, mit der die Musiker Françaix’ blitzartige Beleuchtungs- und Stimmungswechsel realisieren, so die vom „Himmels-“ zum „Höllenorchester“ aus Saxofonen, Gitarre und Akkordeon. Die Studentenkantorei brilliert in halsbrecherischen syllabischen Partien. Hannes Reich scheut straffe Tempi nicht, doch sind die Ausführenden hellwach und zur Stelle (bei den Instrumental-Registerproben halfen Profis unter anderem des SWR-Orchesters). Nur das Blech macht im sphärischen Schluss keine ganz glückliche Figur.

Bleibt das sehr harmonisch sich einfügende Solistenquartett. Neben Mammels Tenorpart sticht Sebastian Pilgrim mit profundem, kräftigem Bass hervor. Katharina Persicke (Sopran) gestaltet mit weicher, schwebender Nuancierung, feierlich mit Bläsern und Pauke im „Millenium“. Der Part von Hanna Roos (Alt) ist schmal, die Interpretin ihren Kollegen vollauf ebenbürtig.

Gero Schreier

 


Schein & Krenek Konzert am 27. Juli 2014 in Freiburg, Badische Zeitung, 29. Juli 2014

Des Sommers Stunden

Die Studentenkantorei konzertierte in Freiburg.

Er ist fraglos einer der drei großen „Sch“ des Barockzeitalters, die da lauten: Schütz, Schein, Scheidt. Schon die Reihenfolge zeigt: Fast nur Heinrich Schütz besitzt heute noch öffentliche Reputation. Für das Programm “ . . . so sind des Sommers Stunden“ schickt sich die Evangelische Studentenkantorei Freiburg unter Leitung von Florian Cramer in der Freiburger Christuskirche an, dies zu ändern. Denn Johann Hermann Schein steht dem bekannteren Schütz qualitativ in nichts nach.

Die Studentenkantorei präsentiert einige Motetten aus Scheins „Israelsbrünnlein“ von 1623 – und versteht, worauf es ankommt: Textausdruck, Balance und Struktur in den Phrasierungen. Die Imitationen in „Herr, lass meine Klage“ etwa kommen glockenklar – trotz der Anzahl von 40 Chormitgliedern und einer zu Beginn noch zu dominanten Continuogruppe, die darauf aber in der Folge reagiert. Cramer weiß mit seinem sehr expliziten Dirigat den Chor immer in der Spur zu halten.

Mystisch ist’s im Frühling

Und die Kantorei hat die Präsenz, ihm zu folgen: Hier ein feines Crescendo in der Chromatik von „Die mit Tränen säen“, dort ein treibender, doch offener Tuttiklang in „Ach Herr, ach meiner schone“. Ganz besonders erhellend ist eine Situation dann in „O, Herr Jesu Christe“: Cramer fordert seine Kantorei bei „dein heilge Sakrament erhalt an diesem End“ noch nachzulegen – und bekommt volles Volumen, ohne dass das Ensemble zu sehr forcieren würde. Florian Cramer weiß, was wann passt – und die Abstimmung zwischen Dirigent und Chor ist höchst professionell.

Zwischen die beiden Schein-Blöcke und die sehr reflektierten solistischen Einlagen der Musiker der Continuogruppe (Sebastian Bausch, Robert Sagasser, Matthias Spaeter), schieben sich noch Ernst Kreneks „Jahreszeiten“. Auch diese Musiksprache des 20. Jahrhunderts wird von der Kantorei mit Leben ausgefüllt, auch hier ist Textausdeutung das A und O: mystisch ist’s im Frühling, bedrohlich im Herbst, frostig die Stimmung im Winter. Auch wenn hier und da die Spitzentöne etwas unsauber kommen, so ist die Leistung der Kantorei an diesem Abend doch beachtlich, der Gesamtklang sauber und ausgewogen. Und: Die sympathische Präsenz des Ensembles ist wirklich etwas Besonderes.

Fabian Ober

 


Zelenka-Konzert am 15. Februar 2014 in Schopfheim, Badische Zeitung, 17. Feb. 2014

Großartige Wiederbelebung

Die Studentenkantorei Freiburg in der Schopfheimer Stadtkirche.

Es müssen nicht immer Bach oder Händel sein. Die Barockzeit hat auch Meister hervorgebracht, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind und deren Werke man getrost mit denen ihrer populäreren Zeitgenossen vergleichen kann. Dazu zählt der böhmische Bach-Zeitgenosse Jan Dismas Zelenka, dessen „Missa votiva“ nun in einer begeisternden Aufführung der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg unter Leitung von Florian Cramer in der Evangelischen Stadtkirche Schopfheim ihre gebührende Würdigung erfuhr.

Erfreulich, dass es so engagierte junge Chöre wie die Studentenkantorei gibt, die sich mit solcher Hingabe und Sorgfalt diesem noch immer vernachlässigten großen „Kirchen-Compositeur“ widmen. Zelenkas Missa votiva, die ihre Entstehung wohl einem Gelübde des Komponisten nach überstandener Krankheit verdankt, ist ein Glanzstück barocker Kirchenmusik. Als „Nummernmesse“ in 20 kleinere Abschnitte unterteilt, bietet sie den Interpreten wie Zuhörern ein äußerst vielfältiges und kontrastreiches Klangerlebnis von enormer stilistischer Bandbreite: Großartige, imposante Chöre, empfindsame Arien, bewegende Soli, strenge Kontrapunktik, religiöse Andächtigkeit, opernhafte Elemente und ein vitaler, konzertanter Stil finden sich nebeneinander in dieser sehr dankbaren, eingängigen und einnehmend zu hörenden Messe. Man versteht, warum sich Bach und Telemann bewundernd über Zelenka äußerten. Denn dieser erweist sich hier als erfindungsreicher, von religiösem Empfinden motivierter Komponist, der sein Lobpreis Gottes in wunderbar bewegte Klänge kleidet, sich dabei ebenso als hervorragender Kontrapunktiker empfiehlt denn als Kirchenkomponist von ganz eigenem hochexpressivem Ausdruck.

In der Studentenkantorei, dem Ars Viva Ensemble und den Vokalsolisten hatte man Interpreten, die Zelenkas abendfüllender Messe auf denkbar einfühlsamste, lebendigste Art, gesangs- und spieltechnisch auf sehr hohem Niveau gerecht wurden. Vor allem vom Chor wird durch Zelenkas Vokalstil enorme Flexibilität, Präzision, virtuose Stimmbeherrschung und feinste dynamische Differenzierung in den Steigerungen verlangt. Dem überaus motivierend dirigierenden Florian Cramer gelang es, die Chorpartien schlank, federnd, beweglich zu halten, einen Chorklang von pulsierender Lebendigkeit zu formen und seine jungen Sängerinnen und Sänger stets zu vorzüglicher Textdeutlichkeit anzuhalten. Es gibt Sätze von aufschwingender Chormacht und kühner Wirkung, dann wieder von schwebender Zartheit, und die Studentenkantorei überzeugt in allen Facetten durch ein klares, bewegtes, hervorragend durchgezeichnetes Singen. Ebenso dynamisch federnd, von warmem Klang ist das Spiel des Ars Viva Ensemble. Der rhythmisch prägnante Streicherklang, das feinfühlige Spiel von Oboen, Fagott und Laute bringt Zelenkas effektreiche und elegante Musik wunderbar zur Wirkung.

Vortrefflich das Quartett der Vokalsolisten: der höhensichere, reine und sehr anrührende Sopran von Heike Heilmann, die voller Wärme und Innigkeit singende Altistin Elvira Bill, der profunde, souveräne und im Timbre sehr wohlklingende Tenor Hans Jörg Mammel und der in Alter Musik geschulte Bass Ekkehard Abele bildeten ein sehr gut harmonierendes Solistenensemble. Sehr langer Beifall für diese großartige Zelenka-Wiederbelebung in Schopfheim.

Roswitha Frey

 


Elias-Konzert am 11. Februar 2012 in Freiburg/Schopfheim, Badische Zeitung, 17. Feb. 2012

Klangmächtig und doch transparent

Die Evangelische Studentenkantorei Freiburg und das Ars Viva Ensemble führten in Schopfheim Mendelssohn Bartholdys „Elias“ auf

„Einen rechten Propheten“ habe er sich beim Elias gedacht, schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy in einem Brief, „stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, … und doch getragen wie von Engelsflügeln“. Diese schillernde Prophetengestalt aus dem Alten Testament steht im Mittelpunkt von Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“, das in einer klangmächtigen Aufführung der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg und des Ars Viva Ensembles unter Leitung von Florian Cramer in der evangelischen Stadtkirche Schopfheim erklang.

Wie nun gestaltet man eine so vielschichtige Figur, die in diesem Oratorium so unterschiedlich in Erscheinung tritt: als Wundertäter, der durch die Kraft des Gebets ein Kind wieder zum Leben erweckt und dem ausgedorrten Land Regen bringt, aber auch als besessener Prophet und streitbarer Kämpfer, der im Spannungsfeld der Religionen steht. Neben den großartigen Chorpassagen, die von den jungen Sängerinnen und Sängern imponierend gemeistert wurden, ist es der Sänger des Elias, der das Hauptgewicht der Aufführung trägt.

In Schopfheim erlebte man in der Titelpartie den stimmmächtigen Bassisten Wolf Matthias Friedrich, der kurzfristig für Markus Flaig eingesprungen war. Es hatte drei Umbesetzungen bei den Vokalsolisten und am Pult der Konzertmeisterin gegeben, umso bewundernswerter war die Leistung der Künstler in den tragenden Partien. Friedrich gibt mit der weit in den Kirchenraum tragenden Kraft, dunklen Tiefe und Festigkeit seines Basses einen eindrücklichen Elias. Im Wettstreit mit den Priestern des Baal verleiht er seinen Arien Macht, Wucht und Feuer. Aber er kann seine Stimme auch sehr zurücknehmen wie im schlichten Arioso und in der Arie „Es ist genug“, die er mit lyrischer Innigkeit singt.

So wie die Titelfigur Kontur bekam, so lotete Dirigent Cramer überzeugend die dynamische Spannweite im Chorklang aus: In den wild erregten Chören wie den Rufen des verzweifelten Volkes „Aber der Herr sieht es nicht“, in den dramatisch gesteigerten Szenen der Anrufung des Baal mit dem gewaltigen „Das Feuer fiel herab! Feuer!“ entfesselt Cramer mit seiner Studentenkantorei eine großartige Wirkung. Bei aller Fülle und Steigerungsdramatik achtete Cramer aber auch auf Transparenz und Beweglichkeit der hervorragend einstudierten Chorstimmen.

Neben den spannungsvoll beschworenen Darstellungen von Naturgewalten, Dürre, Wasserfluten, Sturm und Feuer kamen auch die Gefühlswärme und romantische Religiosität schön zum Tragen. So entfalteten sich in dem Engel-Quartett, im Terzett der drei Engel und im Quartett der Seraphim, von der Kanzel herab gesungen, Momente von lichter Schönheit.

Cramer konnte sich auch auf hochklassige Solisten verlassen. Als glänzender Oratorientenor mit schlanker, kräftiger Stimme und makelloser Textverständlichkeit war Hans Jörg Mammel in den Arien und Rezitativen des Obadjah zu hören. Die Altistin Barbara Ostertag stattete ihre Engel-Rezitative mit wunderbarer Ausdruckswärme und beeindruckte in den Partien der Königin mit dramatischer Gestaltungskraft. Die Sopranistin Cornelia Samuelis – wie Friedrich kurzfristig eingesprungen – bezauberte in der Arie „Höre, Israel“ mit der Klarheit und lyrischen Intensität ihrer Stimme und gab der klagenden Witwe in den Szenen mit Elias glaubwürdigen Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung. Bei der Schilderung des Regenwunders sang der Knabensopran Jan Jerlitschka glockenhell von der Kanzel herab.

Enormen Gewinn an Farbigkeit, dramatischer Ausmalung und fesselnder Anschaulichkeit bekam das biblische Geschehen durch das überaus lebendig und artikulatorisch prägnant spielende Ars Viva Ensemble auf historischem Instrumentarium.

Roswitha Frey

 


Cantus Missae-Konzert am 17. Juli 2011 in Freiburg, Badische Zeitung, 21. Juli 2011

Die Kunst der Emotion

Freiburg: Studentenkantorei mit „Cantus Missae“.

„Messgesänge“ bot die Evangelische Studentenkantorei in ihrem Semesterabschlusskonzert in der Freiburger Christuskirche. Hinterm schlichten Titel verbarg sich nicht nur Josef Rheinbergers doppelchörige Messe op. 109 mit eben jenem Titel (lateinisch: „Cantus Missae“). Dem liturgischen Ablauf korrespondierend, wurde sie von Orgelwerken Bachs und Rheinbergers durchbrochen, während die eingestreuten „Sechs Sprüche“ op. 79 von Mendelssohn die Dimension aufs ganze Kirchenjahr öffneten. Auch inhaltlich war nicht bloßer Gesang zu hören, sondern feinste Chorkultur.

Zwar ist die Studentenkantorei keine Profi-Formation – kritisch gespitzte Ohren könnten den einen oder anderen Beleg liefern. Dass sich das Ensemble musikalisch weit jenseits dessen bewegt, was im Wort Laienchor mitschwingt, dürfte indes bekannt sein. Schon die ersten Töne zeigten das: Aus dem Piano heraus entwickelte sich die Linie anfangs von Mendelssohns „Zum Neujahrstage“, wuchs zum Forte, sank wieder zurück ins Piano – ein erster, runder Bogen. Zugleich vorausweisend auf die Charakteristika des ganzen Abends: scheinbar mühelos sichere Phrasierung und differenzierte, ganz im Dienst der musikalischen Aussage stehende Klangentfaltung.

Wie genau dabei das Zusammenspiel von Florian Cramers Dirigat und den Musikern war, zeigte ein Detail am Ende desselben Stücks: Auf das kleinste Auf und Nieder von Cramers Hand reagierten die Tenöre, als es galt, ihre Dur-Terz in den leise schwebenden Grundton-Quint-Rahmen des übrigen Chors einzupassen.

Die Doppelchörigkeit kam dann in Bachs „Ich lasse dich nicht“ mit dem Gegeneinander von Choralmelodie und präzis skandierten Figurationen deutlicher zum Tragen, namentlich aber in Rheinbergers Messvertonung. Nochmals war hier insbesondere die höchst bewusste, zugleich emotional erfüllte Kunst der Anfänge und Schlüsse, des Ent- und Einfaltens zu bewundern. Dazwischen wurde interpretatorisch so klar wie eingängig und – wörtlich wie übertragen – mit langem Atem gestaltet. Hae-Kyung Jung steuerte an der Orgel zwei Choralbearbeitungen Bachs und ein Intermezzo aus einer Orgelsonate Josef Rheinbergers bei: charaktervoll registriert und aussagekräftig musiziert.

Gero Schreier

 


Schütz-Konzert am 14. Februar 2010 in Freiburg, Badische Zeitung, 16. Feb. 2010

Tiefgründiges Seelenbild

Freiburg: Werke von Schütz mit der Studentenkantorei.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“, sang der Chor. Gesagt, getan. Was einem da in der sehr gut besuchten Freiburger Maria-Hilf-Kirche zu Gehör kam, gefiel: Heinrich Schütz’ gestenreiche und ausdrucksstarke Musik, aufgeführt von der Evangelischen Studentenkantorei unter der kundigen Leitung Florian Cramers.

Geistliche Konzerte, Motetten, Psalmen, mithin Werke aus allen Schaffensperioden des Komponisten: Das dramaturgisch schlüssige – und von einem instruktiven Heft flankierte – Programm breitete den ganzen Facettenreichtum dieser frühbarocken Musiksprache aus, die nicht selten modern anmutet und in dieser Interpretation von jeder Patina bereinigt war. Nur das doppelchörige „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ mit seinen Kontrasten zwischen den hohen Registern (leuchtend der Sopran) und den tragfähigen tiefen war zu zahm; hier fehlte es an dramatischer Zuspitzung. Begleitet wurde der klangschöne Chor von dem auf Alte Musik spezialisierten Ensemble Les Cornets Noirs, das in der instrumentalen Einleitung zu „Erbarm dich mein“ ein tiefgründiges Seelenbild zeichnete, sich als sehr intonationssicher erwies und mit seinem farbenreichen, bisweilen herben Klang feinnervig begleitete. Aber manchmal schlicht zu laut. Hans Jörg Mammels weicher Tenor fügte sich bei seinem emotional eindringlichen Bußgesang zwar gut in die instrumentale Textur ein, doch hätte man sich nicht nur hier mehr Zurückhaltung vom bläserdominierten Tutti gewünscht. Auch beim „Gesang der drei Männer im feurigen Ofen“ war der Klang nicht vollends austariert; aufgewogen wurde dies aber durch das vitale Musizieren, den im Refrain freudig hinzutretenden und zumeist sicher phrasierenden Chor und nicht zuletzt durch das stimmlich ausgewogene Sängerensemble. Komplett war das sechsköpfige Solisten-Ensemble (darunter Heike Heilmann mit innigem Sopran und Georg Hage mit kraftvollem Bass) im glanzvollen „Magnificat“ mit seinen gut herausgearbeiteten Spannungsbögen und dem von der Kantorei im hohen Tempo lancierten Zungenbrecher „dispersit superbos“. Die Tutti indes: nicht immer nahtlos aufeinander abgestimmt. Nach zwei Stunden brachte das vierchörige „Alleluja!“ noch einmal eine Klangentfaltung, mit Verve und Hingabe musiziert.

Dennis Roth

 


Schütz-Konzert am 13. Februar 2010 in Schopfheim, Badische Zeitung, Ausgabe Wiesental, 15. Feb. 2010

Musizieren mit Handschuhen

Die Evangelische Studentenkantorei Freiburg und das Ensemble Les Cornets Noir in Schopfheim.

100 Jahre vor Johann Sebastian Bach geboren, gilt Heinrich Schütz als der „größte deutsche Deklamator zwischen Luther und Bach“. Ausschließlich diesem großen Komponisten der Alten Musik widmeten sich die Evangelische Studentenkantorei Freiburg und das Ensemble Les Cornets Noir bei ihrem Konzert in der evangelischen Stadtkirche Schopfheim. Ihr Programm heißt schlicht und einfach „Schütz!“, aber mit Ausrufezeichen. Denn der größte Freiburger Studentenchor macht einmal deutlich, wie komplex und facettenreich in der Ausdrucksvielfalt Schütz’ geistliches Werk ist.

In diesem Wintersemester haben sich die jungen Studierenden aus verschiedenen Fakultäten intensiv mit Schütz auseinandergesetzt und dieses Programm erarbeitet. Bewusst wollte man kein geschlossenes Opus aufführen, sondern verschiedene Psalmen, Motetten und Konzerte, die sich stilistisch, formal und von der Besetzung her unterscheiden. So erklangen Stücke aus Sammlungen wie der „Geistlichen Chormusik“, den „Kleinen geistlichen Konzerten“, den „Psalmen Davids“ und den „Symphoniae sacrae“ und ergaben ein beeindruckendes Gesamtbild von Schütz’ Schaffen.

So vielfältig sich das Programm gestaltete, war doch eines durchgängig hörbar: wie wichtig die Klangrede bei Schütz ist, das sprachbetonte Singen und die deutliche, genaue Artikulation im Gesang und instrumentalen Spiel. Und dies beherzigte der gut 60-köpfige Chor aus jungen, frischen Stimmen auf überzeugende Art. Unter Leitung von Florian Cramer gefiel die Studentenkantorei durch eine sorgfältige Sprachdeklamation, große Transparenz und Durchzeichnung des mehrstimmigen Chorklangs, hervorragende Artikulation und Wortdeutlichkeit –was in Schütz’ Vertonungen von Bibel- und Psalmtexten von enormer Bedeutung ist.

Die Sängerinnen und Sänger zeigen die nötige Beweglichkeit und flexible Stimmführung, um die oft bilderreichen Texte plastisch wirken zu lassen. So vermittelt sich in den bis zu 16-stimmigen Werken die Schützsche Vokalmusik in aller Lebendigkeit, aber auch klangprächtiger Feierlichkeit in „Herr, unser Herrscher“ mit eindrucksvoller Raumklangwirkung, dem aufstrahlend-erhebenden „Magnificat“ oder dem freudigen Lobgesang „Allelujah! Lobet den Herrn“. Auch die hervorragenden Vokalsolisten Heike Heilmann, Miriam Feuersinger (Sopran), Rolf Ehlers (Haute-Contre), Hans Jörg Mammel, Georg Poplutz (Tenor) und Georg Hage (Bass) wussten mit ihren schlank geführten, klaren Stimmen die Schützsche Klang-„Sprache“ ideal umzusetzen. Solistische Preziosen waren Heilmanns hell klingendes „Eile mich, Gott, zu erretten“, Mammels getragenes „Erbarm dich mein, o Herre Gott“ zum Posaunenklang oder Poplutz’ koloraturenreich verziertes „O Jesu, nomen dulce“.

Ein großer Gewinn der Aufführung war der Einsatz historischer Instrumente. Das Basler Ensemble Les Cornets Noir, besetzt mit ausgewiesenen Alte-Musik-Spezialisten aus dem Umfeld der Schola Cantorum Basiliensis, trug mit dem farbigen, charakteristischen Originalklang alter Instrumente wie Zinken, Posaunen, Violinen, Dulcian, Violone, Viola da Gamba oder Chitarrone wesentlich zum historisch orientierten Klangbild und der virtuosen Klangwirkung gerade in den affektenreichen und verzierten Passagen bei.

Bedauerlich war, dass es in der Kirche so kalt war und die Sänger und Musiker sich mit Jacken, Schals und Handschuhen wappnen mussten oder ihre empfindlichen Instrumente wie die Zinken unter der Jacke zu wärmen versuchten – denn auch die Intonation leidet unter solchen Temperaturen. Umso bewundernswerter, dass Chor und Consort trotz der erschwerenden Kälte ihr zweistündiges Schütz-Programm so engagiert und klangvoll durchhielten – und mit ihm ein Großteil des ebenso fröstelnden Publikums, das nach dem Schluss-„Allelujah“ kräftig und lange applaudierte und teils stehende Ovationen gab. Wie kommentierte doch eine Besucherin: „Es war sehr schön – aber viel zu kalt…“.

Roswitha Frey