Felix Mendelssohn Bartholdy
Elias op.70
Aktuelle Konzerttermine:
11. Februar 2012, 18.00 Uhr: Schopfheim, evangelische Stadtkirche
12. Februar 2012, 19.00 Uhr: Freiburg, Maria-Hilf-Kirche
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Näheres zum Programm:
Die Eliasgeschichte in der Bibel und der historische Kontext
Elias – die Gestalt des alttestamentarischen
Propheten gibt dem Bibelleser und auch dem Hörer von Felix Mendelssohn
Bartholdys gleichnamigem Oratorium op. 70 Rätsel auf. Wer war dieser
Prophet, der sein vom Glauben abgefallenes Volk mit einer dreijährigen
Dürre strafte, es aber auch wieder davon erlöste, und der ein an einer
schweren Krankheit verstorbenes Kind wieder zum Leben erweckt hat,
andererseits aber selbst vor (Massen-) Mord „im Auftrag des Glaubens“
nicht zurückschreckt?
In der Bibel wird die Geschichte um den
Propheten Elias hauptsächlich im Buch der Könige geschildert (1. Buch
Könige, Kap. 17 bis 2. Buch Könige, Kap. 1). Schauplatz der
Handlung ist das Königreich Israel nach der Spaltung des jüdischen
Großreiches in die zwei Teilstaaten Israel und Juda zur Regierungszeit
des Königs Ahab (873 – 853 v. Chr.). Ahabs Vater Omri war es
gelungen, phönizisches Territorium zu erobern und dem Königreich
Israel anzuschließen. Während Israel zu diesem Zeitpunkt ein
wirtschaftlich relativ schwacher und landwirtschaftlich geprägter Staat
war, pflegte das phönizische Reich Handelsbeziehungen zu
Geschäftspartnern in aller Welt, hatte ökonomisch hochentwickelte
Strukturen vorzuweisen und war zu Wohlstand gelangt. Im Gegensatz zu
Israel war auch die Urbanisierung des Landes weit fortgeschritten. Von
diesen Vorteilen wünschte Ahab für Israel zu profitieren, indem er sich
den neuen Untertanen gegenüber tolerant verhielt und, um die Bindung der
Phönizier an Israel dauerhaft zu gestalten und zu festigen, die
tyrische Prinzessin Isebel heiratete. Zu seinen Zugeständnissen an
Isebel und ihre Landsleute gehörte, dass diese ihre polytheistische
Religion mitsamt deren Kulthandlungen beibehalten durften. Eine
besondere Rolle dabei spielte der Kult um den Fruchtbarkeitsgott Baal,
der sich schon bald auch in der jüdischen Aristokratie auszubreiten
begann. Ein Konflikt mit den Anhängern der monotheistisch-jüdischen
Religion mit ihrem Gott Jahwe, darunter auch mit dem Propheten Elias,
bahnte sich an und kulminierte darin, dass die Königin Isebel alle
führenden Anhänger der Jahwe-Religion umbringen ließ – bis auf
Elias.
An diesem Punkt setzt die Handlung der
biblischen Geschichte (und auch die des Oratoriums) ein: Elias kündigt
dem König und Volk Israels eine dreijährige Dürre als Strafe für das
Abfallen vom Glauben an den Gott Jahwe an. Während dieser
Dürrejahre leidet das Volk im Reich Israel unter wiederholten Missernten
und schwerer Hungersnot. Nach Ablauf der drei Jahre – in denen er sich
am Bache Krit und bei einer Witwe in Zarpath verborgen hielt, deren Kind
er wieder zum Leben erweckte – erhält Elias einen Gottesbefehl, sich
Ahab zu zeigen und ein Regenwunder anzukündigen. Daraufhin treffen sich
die Anhänger Baals und Elias auf dem Berg Karmel, um jeweils ihrem Gott
zu opfern: Welcher Gott diese Opfergabe mit Feuer annehmen wird, der
solle allgemein als Gott anerkannt werden. Elias’ Opfer geht in Flammen
auf. Daraufhin lässt er alle anwesenden 450 Baalspropheten ergreifen und
tötet sie. Anschließend bittet er Gott um Regen, der auch gewährt wird. Dieses Regenwunder beschließt den ersten Teil des Oratoriums.
Im zweiten Teil klagt Elias Ahab wieder der
Verehrung Baals sowie verschiedener anderer Übeltaten an, woraufhin die
Königin Isebel das Volk gegen Elias aufhetzt und den Befehl gibt, ihn zu
töten. Elias flieht resigniert in die Wüste. Dort befiehlt ihm ein
Engel, sich zum Berg Horeb zu begeben, wo ihm Gott begegnen werde.
Gestärkt durch die Gotteserscheinung kehrt Elias nach Israel zurück und
wird schließlich von Gott in einem "feurigen Wagen gen Himmel" geholt.
ELIAS - Ein Oratorium zwischen Christentum und Judentum
Diese Himmelfahrt hat Mendelssohn und mit ihm
viele andere Menschen fasziniert. In ihr manifestieren sich messianische
Hoffnungen, die viele Juden mit der Gestalt des Elias verbinden. Durch
die Himmelfahrt befindet sich die Figur des Elias außerdem in einem
Spannungsfeld zwischen den beiden Weltreligionen Christentum und
Judentum und kann – je nach Ansicht des Interpretierenden – mal
für die eine, mal für die andere Seite vereinnahmt werden. Ist also der
Prophet Elias, wie Mendelssohns theologischer Berater und zeitweiliger
Librettist, der Dessauer Pfarrer Julius Schubring, meinte, ein Vorbote
Jesu Christi, soll er „den alten Bund zum neuen verklären helfen“?
Mendelssohn selbst war kein Anhänger einer Deutung des Elias vom Neuen Testament und damit vom Christentum her; er wollte eine „recht anschauliche Welt, wie sie im alten Testamente in jedem Kapitel steht“,
darstellen und die Sphäre des Alten Testamentes möglichst unverfälscht
lassen – im Gegensatz zu Schubring, der die Eliasgeschichte
neutestamentlich-christlich auslegte und das Oratorium mit einer Vision
der Verklärung Jesu (Matth 17, 1-13) beenden wollte. Diese
unterschiedlichen Interpretationen führten schon bald zu einem Ende der
Zusammenarbeit, sodass die Hauptarbeit am Libretto bei Mendelssohn
selbst verblieb. Das Libretto setzt sich aus Bibelstellen hauptsächlich
des Alten Testaments zusammen und ist in eschatologischer Hinsicht
höchst aufschlussreich:
In der Tenorarie Nr. 39, die sich direkt an die Himmelfahrt Elias’ anschließt, heißt es: „Dann
werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.
Wonne und Freude werden sie ergreifen. Aber Trauern und Seufzen wird vor
ihnen fliehen.“ Diese Worte stammen aus dem
Matthäus-Evangelium (Matth. 13,43), sind also eine neutestamentliche
Verheißung und beziehen sich auf das Ende der Welt, also den Tag des
Jüngsten Gerichts. Einen Beleg für eine christliche Interpretation der
Eliasgeschichte stellt diese Passage dennoch nicht dar, denn die Vision
vom Jüngsten Gericht, an dem alle Welt vor den Richterstuhl Gottes
treten muss, ist sowohl im Alten als auch im Neuen Testament vertreten;
auch die Verheißung an die Gerechten ist beiden Religionen
gemeinsam.
Zentrale Gedanken werden auch im Chor Nr. 41 geäußert: „Aber
einer erwacht von Mitternacht, und er kommt vom Aufgang der Sonne, der
wird des Herrn Namen predigen und über die Gewaltigen gehen; das ist
sein Knecht, sein Auserwählter, an welchem seine Seele Wohlgefallen hat.
Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des
Verstandes, der Geist des Rats und der Stärke, der Geist der Erkenntnis
und der Furcht des Herrn.“ Dieser Text ist aus verschiedenen
Stellen des Buches Jesaja zusammengestellt und essentiell für das
Verständnis von Mendelssohns eschatologischer Deutung der
Eliasgeschichte. Die Worte „Aber einer erwacht von Mitternacht und er kommt vom Aufgang der Sonne“ lösen
beim Hörer/ Leser messianische Vorstellungen aus. Christen werden diese
Worte sofort – und mit einigem Recht – auf die Ankunft Jesu Christi
beziehen. Die Formulierungen „sein Knecht, sein Auserwählter, an welchem seine Seele Wohlgefallen hat“ bekräftigen dies. Allerdings vermeidet Mendelssohn die explizite Nennung des Namens „Jesus Christus“ oder
entsprechende eindeutige Hinweise. So wird jüdischen Hörern keine
Verheißung des Messias in Gestalt von Jesus Christus aufgezwungen,
sondern der Text hält sich im Rahmen der messianischen Vorstellungen,
die im Alten Testament ohnehin zum Ausdruck kommen.
In den folgenden Versen gewinnt der noch unbestimmte Messias an Profil: denn auf ihm wird der Geist „der Weisheit“, „des Verstandes“, „des Rats“, „der Stärke“, „der Erkenntnis“ und schließlich der „Furcht des Herrn“ ruhen.
Die „Stärke“ kann man in zweierlei Hinsicht interpretieren: einerseits
als Macht oder physische Stärke, andererseits aber auch als mentale
Stärke, also als Festigkeit im Charakter oder Belastbarkeit. Die „Furcht
des Herrn“ steht zur Stärke in keinerlei Widerspruch: im Gegenteil ist
die mentale Stärke (die viele Juden zu Ahabs Zeiten offensichtlich nicht
gezeigt haben, da sie sich dem Baalskult angeschlossen haben) erst die
Voraussetzung zur Furcht des Herrn.
Die übrigen vier dieser
sechs Attribute bezeichnen Gaben des Intellekts. Schon in quantitativer
Hinsicht hat Mendelssohn also der Vernunft in der Religion eine zentrale
Rolle zugewiesen: Er schafft auf einer Metaebene eine Synthese von
Christen- und Judentum im Sinne einer Vernunftreligion, wie sie u.a. von
den Aufklärern Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn, Felix
Mendelssohn Bartholdys eigenem Großvater, vertreten wurde.
Dass
das Erbe Moses Mendelssohns und der Aufklärung eine große Rolle für
Felix Mendelssohn Bartholdy spielt, zeigen auch noch einige weitere
Textstellen: im Schlusschor Nr. 42 „wird euer Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und eure Besserung wird schnell wachsen“ (Jes 58,8). Das „hervorbrechende Licht“, das eine „Besserung“ zur Folge hat, erinnert stark an die Aufklärung oder auch „enlightenment“ bzw. „siècle des Lumières“ im wahrsten Sinne des Wortes. Auch im Chor Nr. 9 heißt es: „Dem Frommen geht das Licht auf in der Finsternis.“ (Psalm 112,4). Und im Rezitativ Nr. 33 klagt Elias: „Herr, es wird Nacht um mich“ (1.Kön. 19,9).
Dass
Mendelssohn die Metapher der „Umnachtung“, „Finsternis“ und der
anschließenden „Erleuchtung“ augenscheinlich bevorzugt verwendet, zeigt,
dass für ihn Glaube und Vernunft vereinbar sind und eine Brücke
zwischen Christentum und Judentum schlagen können.
